Der Digitale Produktpass (DPP) kommt – und er wird nicht nur das Metallhandwerk grundlegend verändern. Was auf den ersten Blick nach einer weiteren bürokratischen Last klingt, ist in Wahrheit der Schlüssel, um die zirkuläre Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) auch in unseren Betrieben gewinnbringend umzusetzen. Denn: Ohne lückenlose, digitale Produktinformationen ist kein hochwertiges Recycling und keine effiziente Reparatur möglich.
Warum wir Rohstoffe sparen müssen
Der europäische Weg ist klar: Wir müssen den Umgang mit Rohstoffen radikal ändern. Die EU verfolgt das Ziel, Ressourcen zu schonen und die Wirtschaft bis 2050 zu dekarbonisieren. Das Metallhandwerk ist hier besonders gefordert, da wir maßgeblich an der Wertschöpfung von langlebigen Gütern wie Bauprodukten beteiligt sind. Unsere Aufgabe wird es, die Ressourcennutzung zu intensivieren und den Materialkreislauf aktiv zu schließen („Close the Loop“). Der DPP schafft die dafür nötige Transparenz.
Für bestimmte Bauprodukte ab 2028 verpflichtend
Der DPP ist ein digitaler Datensatz über ein Produkt. Er wird durch die die neue Bauproduktenverordnung (EU-BauPVO 2024) und die EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) zur Pflicht. Für bestimmte wichtige Bauprodukte beginnt der Start bereits ab 2028. Unter anderem müssen Fenster und Türen ab dann per DPP dokumentiert werden. Die Hersteller sind dann gehalten, Informationen zur Kreislauffähigkeit der Produkte bereitzustellen, darunter Angaben zur Haltbarkeit und Rückführbarkeit in den Wertschöpfungskreislauf, also etwa zur Reparierbarkeit, Materialzusammensetzung und Recyclingfähigkeit. Dadurch können neue Geschäftsmodelle entstehen.
Wie funktioniert der DPP?
Der DPP ist eine intelligente Datenbank, in der die wesentlichen Informationen zur Produktdokumentation zusammengestellt werden (DPP-System). Dafür ist der Hersteller verantwortlich.
Abbildung Prinzip Digitaler Produktkompass (Copyright Dr. Reinhard Fandrich)
Für Bauprodukte etwa sind die Vorgaben der Bauproduktenverordnung und ggf. der Ökodesignverordnung zu berücksichtigen (vgl. Bild). Die Produkte werden mit einem QR-Code versehen, der es ermöglicht, die erforderlichen Informationen auszulesen wie etwa Konformitätserklärung, allgemeine Produktinfos, Sicherheitsinfos, technische Dokumentationen usw. Zugriff auf die Daten haben alle Marktteilnehmer, die in der DPP-Registratur angemeldet sind, wie z.B. B2B-Kunden, Händler, Endkunden, Reparaturunternehmen, Recyclingunternehmen sowie die Behörden zur Marktüberwachung.
Der Fenster-DPP: Komplexität im Handwerk
Die Dokumentationspflicht trifft besonders das Handwerk hart. Fenster und Türen beispielsweise sind fast immer Unikate. Bei Großimmobilien sind oft mehr als 10 % der Fenster unterschiedlich, in Einfamilienhäusern sind häufig alle Fenster unterschiedlich. Das erfordert individuelle und exakte Dokumentation für jedes Element. So soll der Datenfluss funktionieren: Der DPP bündelt alle Daten. Der Hersteller ergänzt die Daten der Vorlieferanten und legt die Dokumente im DPP-Register/System ab. Später erhält die Abfallwirtschaft die notwendigen Infos für hochwertiges Recycling.
Die Gefahr: Bürokratie für Mikrounternehmen
Die DPP-Pflichten stellen besonders für Klein- und Mikrounternehmen (kleiner 50 und besonders kleiner 10 Mitarbeiter), die oft unzureichend digitalisiert sind, eine große Belastung dar. Zusätzliche Bürokratie wirkt wie Gift für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen. Das Kernproblem sind die Dokumentationspflichten in der Lieferkette. Die EU-Planung sieht bislang nicht vor, dass alle Vorprodukte per DPP rechtzeitig dokumentiert werden. Das bedeutet, die Pflicht zur lückenlosen Dokumentation der gesamten Lieferkette fällt an den handwerklichen Endproduzenten.
Die Lösung ist die Automatisierung des DPP-Systems. Die Vorlieferanten müssen verpflichtet werden, alle Produktdaten einzuspeisen, damit der DPP für das Endprodukt automatisch generiert wird. Der Handwerker darf nicht die händische Aufgabe übernehmen, die Datenkette lückenlos abzubilden.
Wichtig: Nutzen Sie Ausnahmen!
Produkte, die individuell oder als Sonderfertigung hergestellt werden, oder solche zur Erhaltung des kulturellen Erbes, sind von der Pflicht zur Erstellung eines DPP nach EU-BauPVO 2024 ausgenommen.
Erforderliche Entlastungen für das Handwerk
Das produzierende Handwerk und als solches auch das Metallhandwerk benötigt an verschiedenen Stellen regulative Entlastungen. Dies betrifft besonders die Ausweitung der in der EU-BauPVO 2024 vorgesehenen Sonderfertigungsklausel für Einzelanfertigungen auf handwerklich gefertigte Kleinserien. Zudem müssen Systemlieferanten in die Pflicht genommen werden und die Dokumentationspflichten der Vorprodukte bereitstellen. Dies betrifft beispielsweise Fenster und Türen.
Geschäftsmodelle der Zukunft
Der DPP schafft aber auch die Datenbasis für innovative Einnahmequellen durch neue Geschäftsmodelle. Zu nennen sind:
- Product-as-a-Service (PaaS): Statt Fenster oder Fassaden zu verkaufen, wird die Nutzung oder Funktion vermietet oder geleast. Der DPP hilft, die Wartungshistorie zu erfassen und den Restwert präzise zu kalkulieren.
- Zertifizierte Wiederaufbereitung (Remanufacturing): Durch die transparente Historie (DPP) kann das Handwerk gebrauchte Komponenten oder Produkte systematisch auf Neuzustand aufbereiten und mit Neuwert-Garantie wiederverkaufen.
- Daten-gestützte Reparatur: Der DPP ermöglicht schnellen Zugriff auf technische Anleitungen und Ersatzteilverfügbarkeit, wodurch Reparaturdienstleistungen effizienter und gewinnbringender werden.
- Material-Recovery: Exakte Angaben zur Materialzusammensetzung führen zu hochwertigem (sortenreinem) Recycling (Upcycling), was den Wert der zurückgewonnenen Rohstoffe maximiert.
Fazit: Begreifen wir den DPP als Chance – nicht als Last
Der Digitale Produktpass ist das Werkzeug für die datenbasierte Kreislaufwirtschaft. Allerdings müssen wir uns im Handwerk gemeinsam dafür einsetzen, dass die Automatisierung und die lückenlose Bereitstellung der Vorproduktdaten zur Pflicht wird. Nur so kann der DPP die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe sichern, ohne sie zu erdrücken.
Autor
Reinhard Fandrich (Dr.-Ing.)
Technischer Berater in der Fachberatungs-
und Informationsstelle beim Bundesverband Metall, Essen
Kontakt: reinhard.fandrich@metallhandwerk.de
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